Über den „Moment dazwischen“ und den Heiligen Geist

Liebe Leser, liebe Leserinnen,

fünfzig Tage nach Ostern beschließt das Pfingstfest die Osterzeit. Die gängige pfingstliche Ikonographie kommt ohne Feuer oder die Taube als Symbol des Heiligen Geistes nicht aus.

Die gängigen Darstellungen zeichnen sich oft durch hohe Dynamik aus. Wir beschreiben den Heiligen Geist stürmisch, weil er in der Apostelgeschichte als „ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt“ beschrieben wird (Apg 2,2). Die Pfingst-Bilder sind sehr bewegt bis hin zur ekstatischen Verzückung des Manierismus. Ekstase folgt dem stillen Moment der unverbrüchlichen Zuwendung Gottes zu den Menschen.

In den Ikonen der östlichen Tradition ist diese Dynamik dagegen viel gedämpfter. Die Jünger, Maria ist grundsätzlich mitten unter ihnen, scheinen erstarrt, als sich die Feuerzungen des Heiligen Geistes auf ihnen niederlassen. Kein Sturm, kein Brausen, keine aufgebauschten Gewänder, eine Taube oft nur am Rande. Es ist der Moment, in dem sich für sie etwas gründlich ändert. Es ist ein atemberaubender Augenblick, den sie erleben. Das lässt sie innehalten, wenn nicht sogar erstarren.

Dieser Augenblick trennt das Vorher und das Nachher, vergleichbar dem Moment des Atems zwischen zwei Atemzügen. Das Atmen wird immer durch diese kurze Pause unterbrochen – einer Atempause. Der Maler stiller Augenblicke inmitten eines dynamischen äußeren Geschehens war Caspar David Friedrich (1774-1840), dessen 250. Geburtstag sich 2024 jährt. Seine Bilder erzählen nichts, sondern sie erzeugen eher eine Gewissheit, dass es ein Vorher gab, dass unwiederbringlich ist, und ein Nachher, das die Sicht der wenigen Protagonisten samt des Betrachtenden auf die Realität völlig umstürzt. Friedrich fängt diesen Moment dazwischen in seinen Bildern ein. Dieser Moment ist ein Moment der Inspiration – eine Zuwendung des Heiligen Geistes.

Unser Bild zeigt den „Wanderer über dem Nebelmeer“. Er verharrt noch im dunklen Vordergrund vor einer lichten Szenerie der phantastischen Landschaft, die eine Verheißung ist und Ziel seiner Sehnsucht ist.

P. Ralf Sagner OP